Filmatelier Linz: Jessica Hausner zu Gast mit „Lourdes“

Das letzte „Filmatelier Linz“ dieses Jahres hatte gestern am 16. 12. 2009 mit Jessica Hausner einen dritten bedeutenden Gast aus der österreichischen Filmszene. Nach der Kinovorführung ihres neuen Films „Lourdes“ beehrte Frau Hausner die Kunstuniversität mit einem Vortrag zu ihrem neuesten Film. Dabei hat sie einige interessante Herangehensweisen an ihre Filme erklärt, mit Beispielen aus „Lourdes“. Ich möchte hier ein paar dieser Aussagen zusammenfassen.

Jessica Hausner hat die Lecture teilweise chronologisch strukturiert und mit der Ideenfindung begonnen. Sie erklärte, dass ihr meist erst eine gute Idee für einen neuen Film kommt, wenn sie schon sehr verzweifelt ist und glaubt den Beruf wechseln zu müssen. Wenn sie dann einmal einen spannenden Einfall hat und zu recherchieren beginnt, gilt häufig „Umso mehr schreckliche Wirklichkeit umso besser“. Sie fühlte sich zum Beispiel sehr unbehaglich im Angesicht der vielen sterbenskranken und behinderten Menschen bei ihrem ersten Besuch des Wallfahrtortes Lourdes. Die Begegnungen die folgten haben ihr aber viele Charaktere und eine Geschichte eröffnet.

 

Eine unbeantwortbare Frage begleitete Frau Hausner während der Film entstand: „Wie ist es möglich das Menschen glauben?“ – im Angesicht der Willkür mit der „Wunder“, Gutes und Schlechtes geschehen. Die frommste und aufopfernste Malteserin hat sie zum Beispiel in ihrem Film so gezeichnet, dass sie selbst sterbenskrank ist. Sie hat sich vermehrt mit dieser Glaubensfrage auseinandergesetzt, indem sie Gespräche mit einem Jesuitenpater geführt hat. Er hat sie zu vielen Aussagen, die Charaktere im Film machen, inspiriert. Eine Aussage war dabei besonders prägnant: „Am Ende schwemmt es uns alle weg.“ – das war die Antwort auf die Frage, warum den so viele unschuldige Menschen bei der Tsunami Katastrophe sterben mussten. Glauben ist eine Art positive Lebenseinstellung. Menschen die pessimistisch oder realistisch in den Tag gehen, tun sich in der Regel schwerer an Gott zu glauben.

Trotz ihrer persönlichen glaubenskritischen Einstellung hat es Jessica Hausner in „Lourdes“ geschafft einen Film zu machen, mit dem sowohl gläubige Christen als auch Atheisten zufrieden sein können. Bei genauerer Betrachtung überwiegt schon die Aussage, dass alles Leben Willkür ist und dass man Glück nicht festhalten kann, aber der Film lässt auch andere Interpretation zu. So gesehen ist der Film eine Art psychologischer Selbsttest – wie negativ das Ende ist hängt von der eigenen Einstellung ab.

Zur Umsetzung der Idee war es Frau Hausner wichtig einen „stilisierten Dokumentarismus“ zu bieten. Einerseits gestand sie die Liebe zur Direktheit und dem „Billiglook“ des Zooms, andererseits wurden die Bilder mit Farbkorrektur und geschickt gewählten Kameraeinstellungen auf eine künstliche Ästhetik getrimmt. Oft hat der Zuseher eine ganze Strophe bekannter Musikstücke Zeit diese durchwegs guten Bilder zu betrachten. Das theatralische an einer Pilgerreise kommt immer wieder zum Vorschein – alle Pilger und Betreuer (besonders die Malteser in ihren Uniformen und Roben) sind Teil dieser touristischen Show.

Überrascht war Jessica Hausner von der großen Anzahl an außerordentlich begabten Schauspielern in Frankreich – die einen ganz anderen Background und Zugang zum Filmschauspiel haben, als hierzulande Schauspieler die vor allem auf Theater ausgerichtet sind und zur dementsprechenden Gestik und Mimik tendieren. Generell hatte sie beim Drehen mit französischsprachigen Schauspielern mehr Sprachbarrieren erwartet.

Interessant für Roman- und Drehbuchautoren ist die Aussage ihrerseits, wonach sie die Gefühle ihrer Charaktere nicht interessieren – sie will „keinen Seelenporno machen“ mit intimen Close-Ups von Gesichtern. Lieber zoomt sie dokumentarisch auf eine Person, sie braucht die Lebensgeschichte des Charakters nicht zu kennen. Bilder sind ohnehin Beweis für Unsichtbares, es ist interessanter was hinter den Bildern steht…

Links:

Lourdes Filmhomepage

MaRo

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